24.09.2014, Im Padjelanta-Nationalpark

Wir stehen früh auf und machen uns auf den Weg in den Padjelanta-Nationalpark. Es scheint noch einmal ein schöner Tag zu werden. Laut dem Wetterbericht, den wir bei Skárjá erhalten haben, soll das Wetter ab morgen deutlich schlechter werden. Wir verlassen die Kapelle von Alkavare und damit auch den Sarek-Nationalpark und gehen die wenigen Meter hinunter zum Álggajávrre. Um auf die andere Seite des Sees zu gelangen, gibt es drei verschiedene Möglichkeiten. Entweder man nutzt eines der insgesamt drei Ruderboote, die dort liegen, oder man furtet den aus dem Álggajávrre abfließenden Miellädno, der die Grenze zwischen den beiden Nationalparks bildet. Die dritte Möglichkeit besteht darin, dem Miellädno etwa 3 Kilometer flussabwärts zu folgen. Dort gibt es eine Brücke für Rentierzüchter, die aber laut Grundstens Wanderführer schon 2009 in schlechtem Zustand war und auch nicht mehr repariert werden wird. Das ist also keine Option. Da es hier stellenweise Schnee und Eis gibt, haben wir auch keine große Lust, den Miellädno zu Fuß zu durchqueren. Wir wollen es also mit dem Ruderboot versuchen. Das ist der erste Fehler des Tages – und leider auch nicht der Letzte.

Es zeigt sich, dass das einzige Ruderboot auf dieser Seite voller Wasser ist, mit einer dicken Schicht Eis darüber. Ein Behälter zum Ausschöpfen ist vorhanden, aber zuerst müssen wir die Eisschicht mit Steinen aufbrechen. Es dauert eine Weile, bis wir den Rumpf des Bootes geleert haben. Dann müssen wir feststellen, dass eines der beiden unterschiedlich langen Paddel keine Rudervorrichtung mehr hat. Wir schauen uns um und sehen in einem Gebüsch ein weiteres Paddel liegen. Dieses ist beschädigt und unbrauchbar, aber mit einer Rudervorrichtung versehen. Eine Zange liegt direkt daneben. Also montieren wir die Vorrichtung an das andere Ruder. Mit zwei intakten Rudern machen wir uns auf den Weg. Und stehen vor dem nächsten Problem: durch den sehr trockenen Sommer ist der Wasserstand des Álggajávrre sehr niedrig, so dass wir ständig an Steinen hängen bleiben, die auf dem Grund herum liegen. Außerdem ist der Rand des Sees zugefroren. Das Eis und die Steine machen es schwierig, das Boot zu steuern. Spätestens jetzt hätten wir einsehen müssen, dass es klüger wäre, einen anderen Weg zu nehmen. Aber nun haben wir schon viel zu viel Zeit investiert und das soll auch nicht umsonst gewesen sein. Also mühen wir uns weiter und damit fangen die Schwierigkeiten erst richtig an.

Trotz des niedrigen Wasserstandes ist die Strömung des Sees nahe des Abflusses in den Miellädno ziemlich stark. Als auch noch Wind dazu kommt, geraten wir immer näher an den Abfluss heran. Abwechselnd verkeilen sich unsere Ruder und der Bootsrumpf zwischen Steinen und Eis. Irgendwann drückt uns die Strömung so zwischen ein paar am Grund liegende Steinbrocken, dass wir uns mit den Rudern alleine nicht mehr befreien können. Es hilft nichts – nun müssen wir doch ins Wasser. Wir ziehen schnell Wanderschuhe und Socken aus, damit diese wenigstens trocken bleiben und steigen barfuß in den See. Ein merkwürdiges Gefühl, wenn ringsum überall Schnee und Eis zu sehen ist. Entsprechend erfrischend ist das Wasser. Unangenehmer sind aber die vielen spitzen Steine am Grund. Wir beeilen uns, befreien das Boot, steigen wieder ein und ziehen uns schnell Socken und Schuhe wieder an. Aber es dauert nicht lange und wir verkeilen uns wieder zwischen Steinen. Beim Versuch das Boot zu befreien wird uns klar, dass uns die Strömung direkt zum Abfluss treiben wird, wenn wir nicht schnell reagieren. Dort würden wir dann endgültig festsitzen. Also müssen wir wieder ins Wasser. Diesmal reicht die Zeit aber nicht, die Schuhe vorher auszuziehen. Wir sehen viel zu spät ein, dass es so keinen Sinn hat und ziehen das Boot wieder an Land.

Dort ziehen wir die Schuhe abermals aus und winden das Wasser aus unseren Socken. Dann durchqueren wir barfuß den Miellädno. Die Strömung ist recht stark und das Wasser zum Teil knietief, aber die Furt ist kein Problem – und dauert keine 5 Minuten. Hinterher ist man immer schlauer. Es ist nur ärgerlich, dass wir sehr viel Zeit und Energie verschwendet haben. Die ganze Aktion hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Mit nassen Schuhen machen wir uns endlich auf den Weg in den Padjelanta-Nationalpark.

Für die Durchquerung des Padjelanta haben wir uns für die Route auf der Nordseite des Álájávrre entschieden. Zwischen uns und dem See liegt aber noch der Berg Nuortap Rissávárre mit seinen beiden ca. 1150 Meter hohen Gipfeln. Wir wollen ungefähr auf halber Höhe südlich um den Berg herum gehen. Als wir unterwegs auf einen kleinen Fluss stoßen, halten wir diesen für einen der auf der Karte eingezeichneten Bäche, die vom Gipfel des Nuortap Rissávárre kommen. Da wir den Gipfel meiden wollen, durchqueren wir den Fluss. Wir wollen nicht noch mehr Zeit verschwenden, zögern nicht lange und furten den Fluss ohne nach einer Alternative zu suchen. Etwas später wird uns klar, dass wir viel zu weit nach Süden abgekommen sein müssen. Wir halten uns nordwestlich, steigen den Hang weiter hinauf und stehen einige Zeit später vor einem See. Bei diesem kann es sich nur um den Lulep Rissájávvre handeln. Was bedeutet, dass der zuletzt durchquerte Fluss der Rissájåhkå war, welcher aus dem Lulep Rissájávvre entspringt. Und tatsächlich stehen wir kurz darauf wieder vor dem Fluss, nur weiter oben auf dem Berg. Den Umweg hätten wir uns sparen können. Wir nehmen es mit Humor und furten den Fluss zum zweiten Mal. Unser Tagesziel wird nun aber nicht mehr zu schaffen sein, obwohl wir zeitig aufgebrochen sind. Das läßt sich jetzt nicht mehr ändern. Wir nehmen uns trotzdem ein paar Minuten Zeit und suchen uns im Fluss ein paar kleine Steine als Andenken.

Ein Stück weiter westlich von unserer Position befindet sich der rechnerisch abgeschiedenste Ort Schwedens mit dem größten Abstand zum Straßennetz, im Zentrum eines 94 Kilometer durchmessenden Gebietes. Hier gibt es viele kleine und größere Seen. Der Álájávrre ist der Größte und Längste davon und liegt etwas weiter nördlich. Der Weg entlang des Sees bietet einige schöne Ausblicke auf die umliegenden Berge. Ein Blick zurück zeigt uns die schneebedeckten Gipfel des Sarek über denen sich einige Wölkchen sammeln. Gegen Abend erreichen wir das westliche Ende des Álájávrre. Aus den Wölkchen über dem Sarek ist inzwischen eine stattliche Schlechtwetterfront geworden, die uns immer näher kommt. Kein guter Ort, um von einem Unwetter überrascht zu werden. In der Nähe des Sees ist man dem Wind schutzlos ausgesetzt und ein Blick auf die umliegenden Berge zeigt, dass in dieser Höhenlage mit weiterem Schnee zu rechnen ist. Noch sieht die Landschaft wie ein Flickenteppich aus, ein paar der direkt vor uns liegenden Hänge sind schon schneeweiß.

Höchste Zeit, sich nach einem etwas geschützteren Lagerplatz umzusehen. Doch das ist nicht so einfach, denn laut Karte liegt ein Stück vor uns noch ein Rentierzaun, aber wir wissen nicht, an welcher Stelle sich ein Durchgang befindet. Wir halten auf direktem Weg auf einen kleineren, vor uns liegenden Hügel zu, überqueren einige Schneefelder und sehen uns von der Hügelkuppe aus um. Ein Durchgang im Zaun ist nicht zu sehen, aber ganz in der Nähe befindet sich eine Senke, in der ein Fluß mitten durch den Rentierzaun hindurch führt. Es scheint, als ob man dort problemlos hindurch käme. Die Senke an der Südwest-Flanke des Álátjåhkkå bietet auch ein wenig Schutz vor Wind und Wetter. Ein besserer Lagerplatz ist nicht in Sicht, also bauen wir schnell das Zelt auf und sichern es gegen den heftiger werdenden Wind. So lange wir in Bewegung waren, waren unsere nassen Schuhe kein Problem. Jetzt beeilen wir uns, aus den Schuhen zu kommen und die Beine in den Schlafsack zu stecken. Die Schuhe wickeln wir in Packsäcke und nehmen sie mit ins Zelt, damit sie nicht wieder über Nacht gefrieren. Dies ist das erste Mal, dass wir unser Essen in der Apside des Zeltes zubereiten.

2 Kommentare

  1. Stefan Rieger

    Ich bin über das DSLR-Forum auf Eure Seite gestoßen. Klasse Tourbericht, der viele Orte, die ich von meinen beiden Sarek-Touren kennen, mal in anderem Licht zeigt. Sei es bei anderem Wetter (das Rapadalen kenne ich beispielsweise nur bei Traumwetter, während ich im Álggavágge keinen Gipfel sah) oder aufgrund der teilweise schneebedeckten Gipfel. Das ermuntert einen, auch die bekannten Gegenden wieder zu besuchen. Hoffentlich kann ich mich bald aufraffen, auch mal einen Bericht einer meiner Touren zu schreiben (dann im Outdoorseiten-Forum und auf meiner Homepage). Bisher gibt leider es nur Fotos und einen Routenplot meiner beiden Touren auf meiner Homepage.

    Ich bin auf die Fortsetzung Eures Berichts gespannt.

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    1. Martin (Beitrag Autor)

      Danke für den Besuch 🙂 Ich habe mich ein wenig auf Deiner Website umgesehen. Dort gibt es wirklich viele erstklassige Fotos zu sehen. Neben den traumhaft schönen Landschaftsbildern aus dem Sarek gefällt mir vor allem die Fotoserie „Winter Dream“. Deine Seite ist auf jeden Fall einen Besuch wert!

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